Also. Hier endlich eine neue Nachricht für alle, die noch darauf warten.
Dieser Artikel hat keinen besonderen Zweck, sondern ist einfach mal so dahin geschrieben, denn eigentlich sollte ich jetzt anfangen und die hundert Briefe an alle unsere Jungs schreiben. Abschiedsbriefe…
Im Moment sitze ich wie gewöhnlich am Samstagnachmittag in Barista, unserem Stammcafé, und schreibe. Normalerweise schreibe ich in meinem Tagebuch herum, aber heute muss das wohl leider noch warten.
Neben mir liegt “The Times of India”, eine der besten Nationalzeitungen, die man hier bekommen kann mit vielen bunten Bildern, wenig Text, der wegen der vielen Abkürzungen so schwer zu verstehen ist, dass ich es vorübergehend aufgegeben habe, das Weltgeschehen verfolgen zu wollen.
Was hier ankommt: Da passiert irgendetwas in Nordkorea, es gab einen Waffentest, Michael Jackson ist tot, “New Harry Potter Movie”, ich zitiere, “is all about sex, drugs, Rock’n'Roll, says director” (mit Verweis auf Seite 10, wo sehr versteckt ein kurzer Artikel zu finden ist, der hauptsächlich aus der dreimaligen Wiederholung der Zeile “sex, drugs and Rock’n'Roll” besteht), die Regierung hat homosexuellen Geschlechtsverkehr legalisiert (ich war so mutig und musste mich auf eine Diskussion mit Father Lester darüber einlassen), ach so, und Angelina Jolie will ins Weiße Haus. Das sind so die Meldungen der Woche. Gibt es noch etwas Spannendes zu wissen?
Oh, Moment, das hatte ich vergessen – der Monsun ist verspätet, weil?
Ha, El Nino! Aber irgendwie fanden das alle anderen im Haus weniger spannend als ich und alles, was lamentiert wurde, war: “Oh, when is that rain coming! It’s so hot here, really!”
Na ja, das Leben geht weiter, zumindest für uns.
Allerdings war Father Lester veranlasst, als eine seiner ersten Amtshandlungen als Administrator das Washing einzuschränken, sodass die Jungs jetzt nur noch zweimal die Woche in den Baderäumen waschen dürfen. Statt täglich.
Und noch hoffen alle, dass die großen wirtschaftlichen Einbrüche im Agarsektor ausbleiben. Und noch verheißen die wissenschaftliche Institute genug Regen für Stabilität. Aber wer weiß das schon.
Vor einer Woche noch haben alle jubiliert, als der Regen endlich im südlicheren Mumbai ankam, aber der Sturm ist vorbei und die Trockenheit zurück.
Was gibt es noch Neues?
Father Roger, der jetzt ehemalige Direktor dieses Projekts bekam Ostern in letzter Minute den Anruf, dass er doch nach Mumbai versetzt werden würde und wir hatten hier anderthalb Monate bangen, was dann aus dem Shelter hier werden würde… Er hatte ihn aufgebaut, er hatte hier alles überhaupt erst ins Rollen gebracht und war wie ein Vater für die Kleinen. Die Jungs selber haben es dann erst in allerletzter Minute erfahren, dass wir nicht für irgendein Programm Tanzen und Singen üben, sondern für Fathers Farewell. Aber es lief doch alles glatter ab, als wir es erwartet hatten und die beiden neuen Fathers (Father Steve als Direktor und Father Lester als Administrator) geben diesem Platz hier ein neues Bild eines anderen Zuhauses.
Ein neues Programm, dass noch unter Father Roger auf die Beine gestellt wurde, ist die intensive Nachhilfe, die jetzt in der einstigen Hausaufgabenzeit von 6 Uhr abends bis 7.15 Uhr gegeben wird. Hausaufgaben sind jetzt von 2 Uhr bis 3.15 Uhr dran.
Da es sich um eine absehbare Zeit bis zu unserer Abreise handelte und ich schon vorher entdeckt hatte, wie sehr es mir Spaß macht, den Jungs mit Händen und Füßen etwas zu erklären und kleine Unterrichtsstunden vorzubereiten, habe ich mich natürlich auch freiwillig gemeldet und habe just die Gruppe der Rabauken bekommen, die aus jeder anderen Klasse herausfallen. Mathe soll ich ihnen beibringen.
Was für Mathe? Das musste ich selber herausfinden und deshalb vergingen die ersten drei Tage auch erst einmal damit, die Jungs entweder zu über- oder unterfordern und schließlich zu herauszufinden, was eigentlich das Problem ist.
Nr. 1: Es gibt hier drei Nummernsets – “English”, Hindi und Gujarati. Und die Jungs schreiben alles durcheinander. Also lernen sie jetzt, vorerst nur in Hindinummern zu schreiben, denn die stehen in ihren Lehrbüchern.
Nr. 2: Zählen von 1 bis sonstwohin können wir ja, aber bitte nur vorwärts.
Nr. 3: Eigentlich bräuchte jeder von den sieben Kleinen und Großen jemanden nur für sich alleine.
Dementsprechend gibt es immer mal das eine oder andere Drama in der Klasse. Gestern erst wollte irgendwie keiner mehr irgendetwas machen und an anderen Tagen wollen sie so schnell so viel, dass Father danach meinte: “So oft ich den Ruf Didi! gehört habe, hätten da unten mindestens 20 Didis sein müssen.”
Das süßeste war ja noch Sonu, der sagte, als es wieder mal einen Hagel von Hilferufen gab und ich nur so schnell wie möglich von einer Bank zur anderen hüpfen konnte: “Didi! Laloo itne pyar se bulaya letin aap sunna nahi!” (Didi, Laloo ruft dich so lieb, aber du hörst ihn einfach nit.)
Was noch?
Zur Hobbyclass gibt es jetzt neben Annes Dance Class Wassermalfarben und Buntstifte für die einen und Origami für die anderen. Das scheint ihnen auch richtig Spaß zu machen, auch wenn es manchmal schon am Falten eines quadratischen Papiers entlang seiner Diagonale scheitert, aber gestern erst hatten es doch alle auf Anhieb hinbekommen. Da hat es auch richtig Spaß gemacht, vorallem weil am Anfang der Stunde tatsächlich einmal für 20 Minuten magische Ruhe herrschte, aber dann war der Bann gebrochen und der Rest verging wieder einmal in chaotischem Schreien nach diesem und jenem.
Okay, das soll es für heute auch erst einmal gewesen sein. Die Briefe warten.
Bis dann mal wieder,
Phalansie
Hallöchen, Gut geschrieben. Habe jeden Harry Potter Band verschlungen.